Stefanie Klingemann – TREND

Freitag, 11. November 2011

Mit diesem Titel hat Stefanie Klingemann ein Messinstrument in Bezug zu ihrem Werk gebracht, das Fragen aufwirft, welchen sie sich ihrer künstlerischen Tätigkeit vielfach gegenüber gestellt sieht: Wie definiert sich unser sozialer Raum? Welche Bilder sprechen uns an?

Was begeistert die Massen? In der Welt der ständig leuchtenden Medien sind visuelle Botschaften schon so fest in unseren Alltag integriert, dass wir deren Inhalte teilweise nicht mehr differenzieren oder gar wahrnehmen. Bilder, die uns ansprechen und bemerkenswert erscheinen, werden immer mehr zu einem begehrenswertem Produkt, um das sich alle, die Werbung, die Politik, die Kunst und der „Web 2.0-Prosumer“ reißen. Es herrscht rundum eine Flut an Informationen, die jeweils einzeln zu verarbeiten gar nicht möglich wäre – etwa wenn man durch die Stadt fährt, muss man Herr werden über eine ungebändigte Masse an Botschaften (Leitsysteme, Werbung, Architekturen, Mitmenschen). Es gilt dabei vor allem das Aussortieren von bereits gesehenem und Informationen, die für den eigenen Kontext nicht relevant sind als erste Aufgabe für den Organismus, damit man seinen Weg nicht aus den Augen verliert. Als Walter Benjamin schon 1935 von dem Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit sprach, hatte er an Postkarten, Repliken und Poster gedacht – könnte er in unsere Zeit blicken, so würden digital bildgenerierende Medien wie iPhones, iPads und Flatscreens ihm bestimmt einen immensen Schock bereiten. Wir Bewohner des 21. Jahrhunderts haben unsere Sehgewohnheiten angepasst an eine eklektische Informationsvermittlung, die uns Scheuklappenartig durch den Alltag treibt.

Unsere Kultur bewegt sich in Räumen, die einen permanenten Zufluss an wechselnden Bildern liefern, mit vielfach konträren Botschaften: kaufe dies, wähle das, drücke I like hier, da, dort, lache jetzt, sei schön, kosumiere viel, trinke viel Wasser, rette arme Kinder, den Regenwald und das gesamte Ökosystem, sei unabhängig, habe viele Freunde – die Hauptbotschaft ist hierbei der ständige Zwang zur Veränderung und Optimierung des eigenen Selbst. Und all diese aus Marketingstrategien und persönlichen Idealen gestrickten Rollenbilder, denen man scheinbar gerecht werden möchte, definieren schließlich den Trend, die Richtung, in die gegangen werden will. Immer vorne an: die Trendsetter, die Pioniere unserer Kultur.

Klingemanns Arbeiten spielen stets mit denjenigen Bildern, die uns täglich begleiten und uns ansprechen möchten. Ihre raumgreifenden Installationen fügt sie in die Öffentlichkeit ein, wie etwa in der Arbeit „Vote for Me“ (2009), in Viersen. Dort ersetzte sie aktuelle Wahlplakate von SPD, FDP, CDU und Grüne mit täuschend echten Versionen, in welchen sie selbst als Flagschiff der jeweiligen Partei posierte, mit jeweils parteigerechtem Styling und den passenden Botschaften. Viele Aktionen hat die Künstlerin so geschickt platziert, dass sie teilweise gar nicht bemerkt wurden. Zu gut assimiliert sich ihr Werk in eine Welt von Kitsch und flüchtigen Begehrlichkeiten, Konsumgütern und idealen Frauenbildern. Klingemann, die bei Maik und Dirk Löbbert an der Kunstakademie Münster mit dem Schwerpunkt Bildhauerei und Skulptur im öffentlichen Raum 2005 als Meisterschülerin abschloss, nutzt den sozialen Raum als formbare Struktur für ihre Interventionen. Sie bewegt sich im künstlerischen Feld der Appropriation Art, jedoch eignet sie nicht die Praktiken und Werke anderer Künstler an, sie vereinnahmt den öffentlichen Raum. Im Kölnberg Kunstverein präsentiert Stefanie Klingemann eine raumgreifende Arbeit, die sich als eine spezifische Auseinandersetzung mit dem Standort begreift.

Die Eingangssituation erinnert durch Luftballons und einen auf der Straße stehenden, pinkfarbenen Aufsteller mit dem Schriftzug „Trend“, ein wenig an eine Neueröffnung eines der Geschäfte in der Umgebung. Denn der Kunstverein liegt an der Aachener Straße, mitten im Belgischen Viertel Kölns, einem begehrten Stadtteil für Cafébesuche, Shopping und nächtliche Begegnungen unter kosmopoliten Bierflaschenträgern. Betritt man den Raum durch den langen Korridor, bleibt daher die Enttäuschung nicht aus: Denn anstatt umgeben zu sein von trendy Produkten, findet man sich wieder in einem vermeintlich leeren Ausstellungsraum, dessen weiße Wände zurücktreten vor einem in knalligem Pink gestrichenen Estrichboden. Wie auf die Tarnung einer Falle hereingefallen, fühlt man sich wie von einem leeren Versprechen verführt. Der Ausstellungsraum erweist sich als Inhaltsfrei, keine Markenprodukte, aber auch keine Kunstobjekte finden sich wieder. Nur der Boden dominiert. Die knallige Lieblingsfarbe meist junger Mädchen stellt eine passende Referenz zum Titel der Arbeit dar. Schwer aus dem Kontext der Werbekampagnen der Telekom zu entreißen (Die Telekom ließ 2003 „Telekom-Magenta“, RAL (4010), gerichtlich schützen, um alleiniges Werberecht in dieser Beziehung zu erhalten), haftet an dem Farbton der Geschmack der Marketingstrategie, dem gewinnorientierten Wunsch, Sinneserlebnisse exklusiv mit einem einzigen Produkt zu verknüpfen. Daneben besetzt Pink die feminine Welt des Glamours, der Girlies, It-Girls und She-Boys. Die Konnotation der Farbe verändert die Ästhetik des Ausstellungsraumes und man meint sich in einer leeren Boutique wieder zu finden. Diese Annahme wird unterstützt durch Bilder, die in der Ausstellung zu sehen sind: Angrenzend an den Raum liegen auf dem Boden einer Stufe Abbildungen von der Künstlerin, wie sie – geschminkt, verkleidet und mit den entsprechenden Attributen ausgestattet – als Shopping-Girl oder Fitness-Lady posiert. Der Eingriff führt zu einer völligen Dechiffrierung der Daseinsgrundlage der Räumlichkeit. Anlehnend an Brian O´Dohertys Standardwerk steht ein Ausstellungsraum immer im Konflikt mit seiner selbst, da er eine Sonderposition einnimmt: er ist nicht Realraum. Durch kahle Wände und einem meist grauen, farblosen Betonboden versucht er sich selbst so weit wie möglich zurückzunehmen, um dem Exponat die größte Freiheit zu verleihen, sich zu zeigen – ohne dabei einen Bezug einnehmen zu müssen zu seiner Umgebung. Diese Laborsituation wird von Klingemann gebrochen, indem sie den Boden pink lackiert. Und doch kann man den Eingriff nicht einfach als Angriff auf den Kunstraum an sich betrachten. Die reinweißen Wände reflektieren stellenweise den intensiven Farbton, Säulen und Vorsprünge werden indirekt beleuchtet und die geometrische Hülle des Raumes tritt hervor. Der Untergrund des Kunstvereins – die Bühne der Kunst – wird entfremdet und selbst zum Kunstwerk ernannt. So bekommt Austragungsort der Bildpräsentation einen Moment der besonderen Aufmerksamkeit geschenkt.

Wie die Künstlerin sich durch ihre Interventionen in der Öffentlichkeit die Bühne des sozialen Lebens aneignet, eignet sie sich in diesem Fall den Ausstellungsraum an und unterstreicht dessen Räumlichkeit durch den ungewöhnlichen Bodenanstrich. So nutzt sie den Galerieraum als formbare Struktur und vereinnahmt, besetzt den scheinbar neutralen, sozialfreien Raum. Egal ob im White Cube oder in der Öffentlichkeit, Stefanie Klingemann betrachtet Raum in ihrer Rolle als Bildhauerin und nutzt die vorgefundene Materie als formbares Gut, um daraus einen Kommentar auf die jeweilige Situation zu formulieren.

Ausstellungsdauer: 12.11. bis 04.12.2011